Enttäuschung – wer enttäuscht ist, ist ent-täuscht

Enttäuschung – wer enttäuscht ist, ist ent-täuscht

Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn Du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.

Christian Morgenstern

Diesen Satz schrieb mir vor vielen vielen Jahren meine Mutter (war es meine Mutter… ich meine schon…) in mein Poesiealbum (wo ist das eigentlich??). Sie sind so wahr, diese Worte. Tatsächlich ist es furchtbar, dieses Gefühl, wenn jemand die Freude, die man empfindet, nicht teilen kann oder möchte, den es vielleicht gar nicht interessiert, ob ich mich freue oder nicht, den, in letzter Instanz, ich vielleicht gar nicht interessiere.

Ich bekam heute eine gute Nachricht, die mich sehr erleichterte und mir einen Stein vom Herzen fallen ließ. Ich teilte mich und meine Freude sogleich mit und die Reaktion war: Erstmal keine. Enttäuschend. Die verzögerte Reaktion war meinem Gefühl nach unzulänglich und immer noch enttäuschend.

Nicht umsonst ist enttäuschen ein anderes Wort für desillusionieren, denn, wie heißt es so treffend und geistreich im Text von „Eine ins Leben“ von Pizzera und Jaus, diesem grandiosen österreichischen Duo, deren Musik gute Laune macht, weil die Melodien mitreißen, die Machart beeindruckt und die Texte Tiefgang haben:

„Des scheene am Enttäuscht sein is – du bist daunn ent-täuscht!“

Wenn man ehrlich ist, ist unter diesen Umständen der Plural von „Enttäuschung“ ansich ein Paradoxon, sollte doch in der Regel eine Ent-Täuschung reichen. Vermutlich ist es menschlich, zuzulassen, dass Enttäuschungen sich wiederholen. Dies erfordert allerdings bei genauerer Betrachtung eine weitere Form der Täuschung, nämlich die Selbsttäuschung oder zumindest ihre kleine Schwester, das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Vielleicht war der Plural ursprünglich auch nur dazu gedacht, unterschiedlichen Arten von Enttäuschungen Rechnung zu tragen, nicht aber der Wiederholung.

Wie dem auch sei, Enttäuschung ist etwas, das nagt, das offene Fragen hinterlässt, das traurig oder wütend macht und zwar bei der Person die enttäuscht wurde.

Doch was ist mit dem Enttäuscher oder der Enttäuscherin. Ich bin ja ansich kein Fan von Gender-Formulierungen, aber hättte ich dem Enttäuscher kein weibliches Pendant an die Seite gestellt, wäre ich Gefahr gelaufen, sehr frustriert zu wirken. Und das bin ich nicht. Wirklich nicht. Allenfalls enttäuscht…

Doch zurück zum Subjekt des Enttäuschens. Meist ist derjenige, der enttäuscht, sich seiner Schuld gar nicht bewusst. Das hängt damit zusammen, dass Enttäuschungen meistens aufgrund des Ausbleibens einer Handlung entstehen, seltener auf Basis ihres Eintretens. Die typische Reaktion lautet daher auch meist: „Aber, ich habe doch gar nichts getan!“ – „Ja, eben!“

Meist, das würde ich jetzt einmal unterstellen wollen, enttäuscht man nicht aktiv und bewusst, sondern aus Ignoranz, Bequemlichkeit, Unvermögen oder – und jetzt geht es darum fair zu bleiben – aus Unkenntnis der Sachlage oder auf Basis einer überzogenen Erwartungshaltung. Vielleicht sollte man daher auch die Verwendung des Partizips überdenken: enttäuschend – das objektiviert etwas nicht Objektivierbares. Denn Enttäuschung ist etwas vollkommen Individuelles, schwierig zu Fassendes und ja, sie ist nicht immer gerecht, manchmal nicht einmal gerechtfertigt. Ist es dem Handelnden oder nicht Handelnden bewusst, was er auslöst? Hat der Behandelte erwogen, dass keinerlei böse Absicht oder Bewusstheit hinter dem Ausbleiben oder Stattfinden der Handlung steckte?

Die Frage ist doch, was kann ich erwarten, was darf ich erwarten? Und hier möchte ich das Eingangszitat aufgreifen: Ich werde doch wohl erwarten können, dass sich jemand, der mir am Herzen liegt und dem ich am Herzen liege, mit mir freuen kann?! Was ich vermutlich nicht kann, ist, es von jemandem zu erwarten, dem ich nicht am Herzen liege.

#ent-täuscht

… vielleicht liest man sich wieder …

PS: Das Kokettier enttäuscht natürlich nie, das ist nur manchmal enttäuscht…

Enttäuscht? Das täuscht…

One Reply to “Enttäuschung – wer enttäuscht ist, ist ent-täuscht”

  1. Ich finde den hier aufgezeigten Zusammenhang von Freude und Täuschung in der Einschätzung der Begeisterungsfähigkeit sehr spannend auf den Punkt gebracht. Ganz im Sinne des Gegenteils von Täuschung: erhellend.

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