Von der Kunst, Schmetterlinge zum Leuchten zu bringen

Von der Kunst, Schmetterlinge zum Leuchten zu bringen

Kunst im Museum zu erleben ist das eine, Kunst Auge in Auge gegenüberzustehen und die Aura eines Kunstwerks ohne Inszenierung, ohne Namen, ohne Rahmen im wahrsten Sinne des Wortes zu erleben, das andere. Leider hat man viel zu selten die Gelegenheit dafür – vielleicht nutzt man sich ergebende Gelegenheiten aber auch nur zu selten.

Mich fasziniert die Kunstwelt schon immer. Kunstdiebe, Kunstfälscher, Beutekunst, sagenumwobene Kunstwerke, tragische Künstlerschicksale, das alles hat etwas Geheimnisvolles, es sind Legenden und Mythen, die sich darum ranken.

Kunst erhält ihren Wert durch eine geheime Übereinkunft mit ihrem Betrachter, dadurch, dass sie berührt und begeistert. Ihr finanzieller Wert hat damit zunächst nichts zu tun – er bemisst sich daran, dass sich viele Menschen für einen Künstler oder ein Kunstwerk begeistern, vor allem aber die richtigen Personen, und ab einem gewissen Punkt wird der Wert von Kunstwerken zu einer self fulfilling prophecy.

„Kaufe, was Dir gefällt“, lautet der Rat von Kunstsammlern für Laien und Einsteiger.

Das dringende Bedürfnis, ein Kunstwerk zu besitzen, überfällt einen tatsächlich aus heiterem Himmel. Ich habe es erlebt.

Über das Kokettier habe ich schon einige Leute kennengelernt und manchmal sind das Menschen, die man sonst vermutlich nie kennengelernt hätte, was extrem schade gewesen wäre.

So durfte ich einen Abend im Atelier einer renommierten niederländischen Restauratorin verbringen. Einen Abend bei köstlichem Essen und guten Gesprächen in einem Raum, voll mit Werken namhafter Künstler, voll mit Werten-objektiv materiellen, gewiss auch subjektiv immateriellen. Manche der Bilder sprachen mich mehr an, andere weniger, doch es war Zufall, dass ich irgendwann das kleine, gerade einmal etwa A4 große Gemälde entdeckte, das gerade auf der Staffelei in Arbeit war.

Es zog mich magisch an. Es war dunkel und doch strahlte es, fast als sei es hinterleuchtet. Edelsteinfabene Schmetterlinge schwirrten um einen Blumenstrauß, dessen Blüten schwer und kurz vorm Verwelken waren. Die Schmetterlinge leuchteten, sie schienen sich fast zu bewegen, eine Stimmung von Vergänglichkeit traf auf flirrende Lebendigkeit. Bei genauerem Hinsehen entdeckte man in den dunklen Partien detailreich ausgearbeitet Pilze. Die Wirkung, die das Bild auf mich hatte, war erstaunlich, ich konnte den Blick nicht abwenden. All‘ das bei einem Gemälde, dessen Firnis zu Restaurationszwecken entfernt worden war, die Schicht also, die dem Bild zusätzlich Tiefe und einen gewissen Glanz verleiht, aber auch seine Schutzschicht darstellt.

„Sottobosco“ klingt besser als „Waldstillleben“.

Auf die Frage, worum es sich bei dem Bild handle, hörte ich zum ersten Mal den Namen Otto Marseus van Schrieck. Der niederländische Künstler, der 1619 in Nijmegen geboren wurde und 1678 in Amsterdam verstarb, gilt als der Erfinder des Genres „Sottobosco“, auf deutsch „Waldstillleben“.

Mit einem Blick für Details, einem Forscherinteresse an anatomischen Besonderheiten, aber auch mit einem gewissen Maß an künstlerischer Freiheit schuf er Bilder, die an eine morbide Version der Illustrationen in den Blättchen der Zeugen Jehovas erinnern. Da sitzen Kröte, Eidechse, Salamander und Schnecke inmitten von Moosen, Flechten und Pilzen beinander, während sich die Schlange mit weit aufgerissenem Maul, züngelnd auf die Schmetterlinge stürzt, die farbenprächtige Blüten umflattern. 

Das Besondere ist die Dunkelheit vieler Bildpartien, die einen immer wieder neue Details entdecken lässt und die im krassen Gegensatz zu der Farbpracht einzelnder Elemente steht, die von einer schwefeligen Grellheit sind, wie man sie kurz vor einem Gewitter kennt.

Zur Dokumentation des sonst versteckten und kaum beachteten Lebens am Waldboden, entwickelte van Schrieck viel Erfindungsreichtum, wenn es darum ging, eine möglichst naturgetreue Darstellung zu realisieren

Er züchtete, sezierte und präparierte Reptilien und Amphibien, um ihre Anatomie zu verstehen und er nutzte die Flügel echter Schmetterling, um ihre Farbpracht auf die Leinwand zu bannen. Hierzu bettete er die feinen Schüppchen der Flügel in Bleiweiß ein, vor dessen Hintergrund das Leuchten noch verstärkt wurde- ein Schmetterlingsabklatsch. Bei einigen Werken haben sich diese Pigmente im Laufe der Zeit abgerieben, so dass nur noch eine schmutzighelle Stelle zurückblieb. Flechten und Moose nutzte er als Schwamm, um Ihre Strukturen 1:1 auf die Leinwand zu tupfen.

Erst wenn man solche Hintergründe kennt, kann man ermessen, was Restauratoren leisten, wieviel Detailkenntnis zu einem Künstler sie haben müssen, um seinem Werk authentisch neues Leben einhauchen zu können.

Das Bild, das mich so in seinen Bann gezogen hatte, ließ mich lange nicht los und ich recherchierte viel, um festzustellen, dass es zwar wenig Literatur zu van Schrieck gibt, dafür aber einige seiner Werke als Drucke bei Allposters.

Ich habe mir einen dieser Drucke bestellt und ihn rahmen lassen und manchmal träume ich davon, dass dort stattdessen eine einfache Staffelei mit einem kleinen Bild ohne Rahmen, dafür aber mit viel Strahlkraft steht.

…vielleicht liest man sich wieder…

Ach ja

…wer ein bisschen mehr in die Tiefe gehen möchte, dem sei folgender Artikel ans Herz gelegt:

Der Krötenküsser, von Julia Voss – FAZ

Nattern züchten, Kröten küssen, von Benedikt Erenz, ZEIT online

 

Titelbild: Unterholz mit Reptilien und Schmetterlinge, Uffizien, Florenz, Otto Marseus Van Schrieck

 

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