Sisyphos und der Wurm, der Friseur, das Feuer und ich

Sisyphos und der Wurm, der Friseur, das Feuer und ich

„Le ver se trouve au cœur de l’homme. C’est là qu’il faut le chercher.“

Ein Zitat aus Albert Camus‚ „Le Mythe de Sisyphe“, das sich in mein Hirn gebrannt hat wie es manche Dinge eben so tun, Gott weiß, wieso.

Bei diesem Zitat, das ja besagt, dass der Wurm sich im Herzen des Menschen befinde und man ihn dort suchen solle, wundert es mich nicht, dass es mich so nachhaltig beeindruckt hat. Denn häufig, wenn ich meine, irgendwo sei der Wurm drin, dann liegt das durchaus auch an meinem eigenen Befinden, Verhalten oder meiner persönlichen Sicht auf die Dinge.

So zum Beispiel beim Friseurbesuch

Wieso geht man zum Friseur? Was erwartet man?

Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber das sollte reichen, um eine ganze Zunft ächzen zu lassen.

  • Ich möchte mich im Anschluss schön fühlen, zumindest schöner als vorher. Das kann, je nach mentaler und formaler Ausgangssituation, ganz unabhängig von den Haaren, zur Herausforderung werden.
  • Ich möchte mich genauso fühlen wie ich mich in diesem Moment fühlen möchte, was, je nach Tagesform, durchaus differieren kann – von lässig, sportlich, dynamisch über sexy, feminin, spannend bis hin zu elegant, sophisticated, klassisch. Glückwunsch. Wenn ich schon nicht weiß, wer ich sein möchte, woher soll es der arme Friseur wissen.
  • Ich möchte zudem verändert aussehen, das heißt, auch wenn ich die Frisur vorher mochte, ist der Anspruch, eine bessere zu finden. Dadurch steigt natürlich das Risiko, sich zu verschlechtern.

Jaja.

So manch einer mag jetzt erleichtert sein, nur meinen Blog zu lesen und mich nicht persönlich zu kennen, und alle, die mich persönlich kennen, können sich freuen, nicht mein Friseur zu sein.

Ich bin mal wieder bei meinen Eltern zu Besuch, wo ich bereits vor zwei Monaten eine ganz fabelhafte Empfehlung erhalten habe.

  • Einen Friseur, der in einem unauffälligen Salon in präsenter, aber nicht unbedingt einladender Lage Wunder vollbringt. Einen Rückkehrer in die Heimat, der bei Vidal Sassoon in London, bei Alexandre de Paris und nach wie vor für L’Oréal tätig ist.
  • Einen Friseur, der heute vermutlich an mir Wunder vollbracht hat und mit einer muffig gequälten Antwort abgespeist wurde. Nicht weil ich mit seiner Leistung und deren Ergebnis, sondern mit mir unzufrieden war. Weil egal, was er gemacht hätte, es nicht mit meiner Vorstellung von mir kongruent hätte sein können, weil es hierzu einer Vorstellung bedurft hätte. Irrealis. Zu Recht.

Ich habe ihn dann nochmal angerufen und mich herzlich bedankt und sehr gelobt, denn Qualität, bleibt Qualität, auch wenn sie Perlen vor die Säue ist. Pluralis Majestatis.

Und am Ende sind es die existentiellen Dinge, die zufrieden machen.

Bei meinen Eltern ist seit zwei Tagen die Heizung defekt (nein, das ist wahrlich kein Anlass für Zufriedenheit). Ein Gasventil fehlt, eins, das seit Jahren nicht mehr produziert wird und nun gesucht werden muss. Zum Glück gibt es einen Holzofen, der aktuell im wahrsten Sinne des Wortes heißläuft… bis auf heute Abend… da waren meine Eltern eingeladen und ich beim Bummeln und niemand da, der Holz nachlegen konnte. Ich kam also heim in ein leeres, kaltes Haus mit erloschenem Ofen und stand nun vor der Herausforderung ein neues Feuer zu entfachen.

Wat mut dat mut, dachte ich mir und legte los.

Unnötig zu sagen, dass es leichter aussieht als es ist und man es sich leichter vorstellt als es aussieht und man demzufolge frustrierter ist, als man es sich hätte ausmalen können. Seit heute Abend verstehe ich, warum die Griechen eine eigene Göttin für das heimische Herdfeuer hatten, Hestia (in der römischen Mythologie Vesta) eine von 12 olympischen Gottheiten… nicht schlecht.

Ziemlich olympisch habe ich mich dann auch gefühlt, als ich nach vielen, vielen Streichhölzern, der einen oder anderen Spanschachtel und einer Menge Rauch und Ruß endlich die Holzwolle-Grillanzünder fand… äh – völlig aus eigener Kraft ein zünftiges Holzfeuerchen entfacht hatte.

Ausgesprochen erfreut darüber war auch das Kokettier, das den ganzen Tag in Pulli und Schal herumlief, olle Frostbeule!

… vielleicht liest man sich wieder …

 

 

 

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