Nackt im Büro – Bekenntnisse eines Parfum Junkies

Nackt im Büro – Bekenntnisse eines Parfum Junkies

Heute war ich nackt im Büro.

Nun ja, ich war vielleicht nicht ganz nackt. Vielleicht hatte ich sogar Kleider an. Aber ich habe mich dennoch nackt gefühlt. Wieso denn das?

Ganz einfach. Ich bin ein Parfum Junkie.

Parfüm gehört für mich einfach dazu, ich gehe ansich nicht ohne Parfum aus dem Haus und wenn das dann doch einmal passiert, weil ich in Eile oder in Gedanken bin, fühle ich mich tatsächlich nackt. Ich habe zwar immer ein Pröbchen oder einen Miniaturflakon in der Handtasche, aber meist entspricht dessen Inhalt nicht den Anforderungen, die ich in diesem Moment hätte. Selbst Parfums, für die ich mich sehr bewusst entschieden habe, kann ich nicht immer, nicht zu jeder Gelegenheit (er)tragen. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich einen Hang zu Düften mit eigenem Charakter habe, die teilweise sehr intensiv oder speziell sind. Oudh, Absinth, Piment, Jasmin, Tonkabohne, Weihrauch, schwarzer Tee, Heu, Mandarine, Ananas.

Meine Winterfavoriten – holzige, rauchige, süße, würzige, warme Düfte von L’Artisan Parfumeur

Auch bei Parfum gilt für mich „Wenn das Äußere passt, wächst das Innere nach“. Wie die Wahl meiner Kleidung hängt auch die Wahl meines Parfums von meiner Laune, dem Anlass und dem Drumherum ab. Anders als meine Kleidung beeinflussen meine Parfums aber auch meine Stimmung, mein Gefühl. Es gibt Düfte, die mir bei schwierigen Terminen helfen, sicher aufzutreten, Düfte, die wärmen, Düfte, die erfrischen, Düfte die glücklich oder fröhlich machen. Es gibt festliche Düfte, Düfte zum Auffallen, Düfte, um sich abzugrenzen.

Ein Duft wie ein Drink – Juniper Sling von Penhaligon’s

Auffällig ist auch, dass das Kokettier offenbar oft nach meinem jeweiligen Parfum duftet. Klar, es sitzt ja auch den halben Tag auf meinem Schoß, mit Vorliebe zugedeckt von einem duftenden Pavlov Posad Tuch.

Eingehüllt in Duft und ein Pavlov Posad Tuch – so kann man es sich gutgehen lassen.

Im Prinzip gibt es zwei Dimensionen eines Parfums

1. Was macht es mit mir?

2. Was macht es mit meiner Umgebung?

Welch verheißungsvoller Name – Love Potion No. 9 von Penhaligon’s

„Das Parfum“

Wenn man so möchte, beschäftigt sich auch der Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind mit diesen beiden Dimensionen. Der Protagonist hat einen fabelhaften Geruchssinn und kommt ohne Eigengeruch auf die Welt, er erlebt als wunderliche Waise Demütigung und Ablehnung. Seine Talente werden erkannt, aber auch ausgenutzt. Die Kreation des mächtigsten Dufts aller Zeiten soll ihm Genugtuung und Macht verschaffen. Auf dem Weg dorthin wird er zum Mörder, der Düfte aus den Leichen seiner Opfer extrahiert .

Der Roman belebt den Mythos von Parfums, mit denen man sich seine Umgebung gewogen oder sich selbst unwiderstehlich erscheinen lassen kann. Diesen Mythos macht sich auch die Parfumindustrie zunutze, die Unsummen in luxuriöse und verführerische Anzeigenkampagnen investiert.

Bei einem Marktvolumen von rund einer Milliarde, alleine für Damendüfte in Deutschland, eine durchaus sinnvolle Investition. Zumal die Herstellungskosten in der Regel recht niedrig sind.

Dabei sind es die Bilder von Lavendelfeldern in Grasse, Leinensäcke voller Rosenblüten, Phiolen mit Ölen und kostbaren Gefäßen mit Gewürzen und Essenzen, die mein Bild von Parfüm geprägt haben. Zu einzelnen Duftnoten habe ich ein visuelles Bild, zu einer Duftkomposition meist ein Gefühl und die Nase in einen parfümierten Schal zu stecken und tief einzuatmen kann so tröstlich sein.

Ein Gedicht von einem Duft, ein Sommertraum – L’été en douce von L’Artisan Parfumeur

Bekanntermaßen lösen Erinnerungen aus dem Duftgedächtnis die intensivsten Reaktionen hervor, sie haben am längsten Bestand, reichen am weitesten zurück.

Gerüche können Menschen anziehen und abstoßen, was der eine als Duft empfindet, mag für den anderen übelriechend sein. Was beim einen schöne Erinnerungen auslöst, sorgt beim anderen für ein ungutes Gefühl. Und was wirklich gut riecht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Auch die Redewendung „jemanden (gut) riechen können“, kommt nicht von ungefähr. Der Körpergeruch, der – nur zur Info – von Parfum nicht überdeckt, sondern allenfalls modifiziert werden kann, entscheidet über Sympathie und Antipathie und hat nicht zuletzt auch eine entscheidende Bedeutung bei der Partnerwahl. Die lange wie ein Damoklesschwert über einem schwebende Information, wer die Pille nehme, könne sich auf sein Nasengefühl nicht verlassen, ist wohl zum Glück überholt. Wäre ja auch wirklich arg ungeschickt…

Herb-süße Mandarine – ein herrlich frischer Sommerduft!

Die Wahl eines Parfums ist in jedem Fall etwas sehr Individuelles und Persönliches.

Umso erstaunlicher ist es, dass Parfum zu den wohl beliebtesten Geschenken, insbesondere Last-Minute Geschenken gehört. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass der Schenkende meint, sich dank des massiven Werbedrucks an Marken und Images orientieren zu können. Das mag bis zu einem gewissen Punkt funktionieren – „Chanel No5, das ist einfach ein Klassiker“ – kann allerdings auch gründlich schiefgehen. Ich zum Beispiel kann Chanel No5, zumindest an mir, nicht leiden!

…aber Hermès geht immer 😉 – im Ernst, die meisten Düfte sind richtig toll!

Selbst mit einem Parfum, dessen Duft man vermeintlich kennt, kann man massiv schiefliegen. Besonders verheerend ist hier das Klischee vom neuen Partner, der den Duft des Expartners verpasst bekommt… „die oder der duftete immer so toll“. Das ist verletzend, übergriffig und wie zum Hohn funktioniert es in der Regel nicht einmal. Das hängt damit zusammen, dass sich Düfte je nach Temperatur, pH-Wert und Fettanteil auf der Haut ganz unterschiedlich entwickeln. Aus diesem Grund versagen auch Papierstreifen als Duftträger oft so kläglich oder sorgen für unerfreuliche Fehlkäufe. Wie sich ein Duft entwickelt und was alles unsere Wahrnehmung beeinflusst, kann in einem äußerst interessanten Beitrag auf der Duftplattform parfumo nachgelesen werden. Wie so oft ist es in erster Linie unser Gehirn, das uns ein Schnippchen schlägt.

Apropos … Gehirn:

Gelegentlich (alb)träume ich übrigens tatsächlich, dass ich nackt aus dem Haus gehe, meistens zum Matheabitur, völlig unvorbereitet.

In diesem Fall würde vermutlich das beste Parfum nichts helfen…

…vielleicht liest man sich wieder …

 

4 Replies to “Nackt im Büro – Bekenntnisse eines Parfum Junkies”

  1. Für mich als „Ein-Duft-Benutzer“ eine schreckliche Vorstellung, jeden Tag ein anderes Parfum aufzutragen, aber objektiv betrachtet kann ich es absolut nachvollziehen. Das ist ein bisschen wie mit der Musik, die man je nach Stimmung auflegt …
    Und das mit dem nach Parfum duftenden Kokettier kann ich nur bestätigen 🙂

    1. Das mit der Musik ist ein sehr treffender Vergleich… da würde eine Richtung allein auch nicht ausreichen.
      Aber es spricht auch viel für einen Duft, der wiedererkennbar und typisch ist… habe jahrelang nur Calèche von Hermès getragen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen