More drinks than dresses – Bilanz eines Flohmarkts

More drinks than dresses – Bilanz eines Flohmarkts

„Einen Versuch war es wert“, „man weiß nie wie es läuft“, „abhaken“.

So wäre ich eigentlich mit der Situaion umgegangen.

Doch nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, den gestrigen Tag, der fast ein kompletter Reinfall war, Revue passieren zu lassen.

Worum geht es eigentlich?

In einem meiner ersten Beiträge hatte ich meine Teilnahme an einem Flohmarkt angekündigt, der sich durch ein besonderes Konzept auszeichnet:

  1. Nur Dinge, die man selber kaufen würde
  2. …also kein Ramsch
  3. liebevolle Präsentation
  4. keine Männer.

Ort des Geschehens war die Mercedes-Benz Niederlassung, Nürnberg, der ich vorweg eines mitteilen möchte: BITTE denken Sie über Ihre Hintergrundmusik nach! Sie hat nicht nur mir und diversen anderen Ständen gestern das Geschäft ruiniert und mich fast wahnsinnig gemacht, sie torpediert auch Ihre Bemühungen, sich eine jüngere Zielgruppe zu erschließen, was Ihnen mit Ihren Autos aktuell recht gut gelingt – „Oh lord, won’t you buy me, a Mercedes-Benz“ –  Janis Joplins Hit von 1970 könnte glatt ein Revival erleben.

Veranstalter war die Nürnberger Eventagentur „Drinks and Dresses“, die diese Veranstaltung nicht zum ersten Mal durchführte, aber zum ersten Mal in dieser Location…mit dieser Musik.

Im Vorfeld war ich wirklich begeistert, wie schnell Fragen geklärt und beantwortet wurden und wie freundlich und kulant der Organisator war. Nun ja, für 45 Euro pro Stand (die große Version inklusive 10 Euro für einen Kleiderständer) kann man das vielleicht erwarten.

In medias res

Am Tag der Veranstaltung erwartete einen vor Ort lediglich eine Tischformation sowie ein gestresstes Organisatorenteam, das einem seine Standnummer zuwies.

Der Aufbau war mühselig, aber die 2 Stunden, die einem zur Verfügung standen reichten, zumal man ja gut vorbereitet war, man hatte sich ja schließlich Gedanken zu einer liebevollen Präsentation gemacht:

Ein Kuhfell definierte die Standfläche und verlieh, so die Idee, dem ganzen eine gemütliche Atmosphäre. Ein Schild verwies auf die vorhandene Ware (Kleidergrößen, Schuhgrößen, was wird angeboten) und sollte Interessierten Orientierung geben und ein Schuhregal setzte die ganzen aus Vernunftsgründen aussortierten Kandidaten in Szene.

 

Drinks and Dresses Flohmarkt in der Mercedes-Benz Niederlassung, Nürnberg

Die in liebevoller Kleinstarbeit gebastetelten und geschriebenen Preisschilder wurden schnell entfernt, als klar wurde, dass die Zahlungsbereitschaft keinesfalls anders als auf anderen Flohmärkten war.

Ein nagelneuer Mantel, ungetragen, für 20 Euro? „Was, so teuer, für 10 nehme ich ihn…“.

Absurdes Detail: Die überteuerten Getränke (lecker, aber echt schlecht eingeschenkt) von winekiki fanden reißenden Absatz – 0,1l Rosé mit Holunder für 5 Euro waren bei mir nach 2 Minuten weg. Ich hätte allerdings auch ganz andere Geschütze auffahren müssen, um mir diesen Nachmittag schönzutrinken…

Die einschläfernde Musik vermittelte das Gefühl flüstern zu müssen – ein Flohmarkt bei dem keinerlei Geräuschpegel existiert, ist kein Flohmarkt, sondern ein Trauerspiel. Auf die Nachfrage nach anderer Musik hieß es, man habe keinen Zugriff auf die Musikanlage… wiebitte??

Breite Gänge ließen ebenfalls gar kein Flohmarktfeeling aufkommen, stattdessen wurde flaniert und gelangweilt Stoff geblättert. Sehr beliebt auch -„ich geh‘ schnell Geld holen und komme gleich wieder“ und dann nicht wieder auftauchen. Gehandelt wurde gar nicht, wer also nicht gleich einen Dumpingpreis nennen wollte, hatte Pech.

Das Licht mochte die Autos ideal inszenieren, die wie hochglanzpolierte Eminenzen im Hintergrund standen. Für die Stände war es nicht ideal, allenfalls für die drei Glücklichen rund um den Sportwagen im Spotlight. Apropos Autos: Bei rund 38.000 Euro für das Auto in meinem Hintergrund – ich stand bei den A-Klassen – wäre alles an meinem Stand zusammen ein Schnäppchen gewesen. Für mich in Shoppinglaune wäre so etwas ja ein Killerargument…

Überhaupt, wenn ich von mir ausgehe: Ich hätte mich totkaufen können. Soviele Stände mit sovielen tollen Sachen, aber angesichts der Flaute an meinem Stand, war die Devise – für jedes verkaufte Teil ein neues – ein echter Spielverderber.

Mein Lieblingsstand, direkt gegenüber, brach dann auch schon nach der Halbzeit, knapp 2 Stunden vor dem offiziellen Veranstaltungsende die Zelte ab.

Er befand sich in guter Gesellschaft, denn der Veranstalter beschloss um 19 Uhr die Musik auszuschalten, was, ich war selbst überrascht, noch schlimmer als die Musik war, und begann um 19:30 abzubauen. Offizielles Veranstaltungsende, an potentielle Besucher kommuniziert, war 20:00. Demzufolge war zu diesem Zeitpunkt in der Mercedes-Niederlassung fast wieder der Ursprungszustand hergestellt. Offenbar war man sehr sicher, dass keine weiteren Besucher kommen, vielleicht, weil recht wenig Werbung für die Veranstaltung gemacht wurde, nur so kann ich mir erklären, dass so wenig Leute gekommen sind und fast gar keine, die über das Konzept im Bilde waren. Obwohl-das ist nicht ganz richtig: Fast alle liefen mit Drinks herum, nur die Dresses blieben auf der Strecke…

Nun aber Butter bei die Fische – was kam tasächlich rum?

Zeitlich belief sich das Investment auf 2 Wochen Vorbereitung mit Sachen aussortieren, Präsentation vorbereiten, Ankleidezimmer im Ausnahmezustand, 2 Stunden Aufbau, 4 Stunden Anwesenheit, Kisten für den Hinweg runterschleppen, Kisten nach dem Drama hochschleppen. Ich wohne übrigens im 4. Stock! Finanziell belief sich das Investment auf 45 Euro Standgebühr, 8 Euro Getränke und 12,99 für einen IKEA Spiegel.

Rum kamen sage und schreibe 28 (in Worten achtundzwanzig) Euro für 3 Teile: eine Kette, einen Schal mit Etikett und einen etwa 5 Mal getragenen Trenchcoat. Außerdem ein beleidigtes Kokettier, das sich gelangweilt hat und sich nicht ausreichend beachtet fühlte. Gut, dass es so leise und so wenig los war, da konnte es wenigstens schlafen.

Und für alle die sagen „wieso sucht sie den Grund für das Debakel denn nicht bei sich?“ hier meine Überlegungen:

  1. Ja, meine Klamotten und auch meine Schuhe sind recht klein (34/36 bzw. 37/38), das schränkt das Klientel ein, aber es sollte durchaus Abnehmer dafür geben, schließlich bin ich kein Alien.
  2. Ich hatte von günstig bis teuer, von H&M bis Lanvin, alles Mögliche dabei.
  3. Der Großteil der Ware war neu oder selten getragen, das gilt auch für die Schuhe.
  4. Auch die anderen Verkäuferinnen, mit denen ich gesprochen habe, waren ziemlich enttäuscht.
  5. Spätestens nach der Halbzeit war ich so verzweifelt, dass ich die Sachen praktisch verschenkt hätte, man hätte mich nur fragen müssen.

Aber wieso war dann der Tag kein kompletter Reinfall?

Weil es schön ist, zu sehen, dass man Freunde hat, auf die Verlass ist, auf die man zählen kann. Sei es beim Einladen, Transportieren und Schleppen von Kisten und beim Aufbau („bitte sieh zu, dass Du mindestens die Hälfte verkaufst“) als auch beim Abbau und Einladen,  Transportieren und Schleppen von Kisten („ach, ist doch nicht schlimm und der Stand sah super aus!“) oder beim Warten auf Kundinnen, Schönreden der Situation („ist doch erst eine Stunde rum“), Getränke holen, Umdekorieren („die Jacke mögen viele“), Lästern („…“), Schimpfen („…“) und Durchhalten. Danke an dieser Stelle, Ihr seid super!

Ach ja

…ich stelle beschämt fest, dass sich die Frustration nun doch Bahn gebrochen und Besitz von diesem Text ergriffen hat. Hatte ich anders vor, aber „man weiß nie wie es läuft.“

…vielleicht liest man sich wieder…

5 Replies to “More drinks than dresses – Bilanz eines Flohmarkts”

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