Karl Lagerfeld – ein Phänomen verlässt die Bühne

Karl Lagerfeld – ein Phänomen verlässt die Bühne

Wir schreiben den 19.02.2019 – mein Großvater wäre heute 95 geworden, meine Mutter hat sein Grab besucht und ein Licht für ihn angezündet. Die Welt bewegt heute aber etwas anderes. Heute ist der Todestag von Karl Lagerfeld, dem letzten großen Modezaren, dem Kopf von CHANEL, einem Hanseaten, einem Katzenliebhaber, einem Ästheten, Exzentriker und Misanthropen. Wir sind Lagerfeld, besser: wir waren Lagerfeld – in jedem Fall stand er uns sehr nah. Zumindest könnte man angesichts des Aufruhrs, sowohl in den klassischen als auch in den sozialen Medien auf die Idee kommen.

Doch was bewegt uns an der schillernden Gestalt, dem am 10. September 1933 in Hamburg geborenen Mann mit dem Pferdeschwanz und der Sonnenbrille, dessen Kopf so ikonisch, so unverwechselbar war, dass er als sein eigenes Logo fungierte? Sein Lebenslauf ist es vermutlich weniger. Er stammte aus wohlhabenden Verhältnissen und seine Modekarriere zeichnete sich schnell ab. Er hatte im Paris der 50er Jahre mit allen Modegrößen und Designerlegenden zu tun, in dieser Zeit zählte er aber noch nicht dazu.

Mythos und Marke

Was den exzentrischen, eigenbrötlerischen und teilweise regelrecht menschenverachtenden Karl Lagerfeld zu einem Mythos gemacht hat, ist konsequente Markenpflege. Und Menschen lieben Marken. Sie reduzieren Komplexität, sie machen Verhalten berechenbar, sie schaffen das Gefühl von Vertrautheit. Wie der private Karl Lagerfeld gewesen sein mag, dieses Wissen bleibt einigen wenigen vorbehalten, doch wie Karl Lagerfeld sich präsentierte, zum Phänomen Karl Lagerfeld, hierzu weiß wohl jeder auch jenseits des Modezirkus‘ etwas beizutragen. Und das ist seine große Leistung für die Modewelt: Als Inkarnation von Haute Couture hat er diese Kunstform durch seine Omnipräsenz einer breiten Masse nähergebracht. 

Choupette

Bei den berühmten Schrullen Karls des Großen wäre da zunächst seine Affenliebe zu einer Katze, Choupette, die an Karl Lagerfelds Seite ein Leben führte, das dem eines Rockstars oder vielmehr dem eines Modezars glich. Verewigt in unterschiedlichsten Medien und bildenden Künsten, gehegt, gepflegt, gehätschelt und verwöhnt wird Choupette nun womöglich als reichste Katze aller Zeiten in die Geschichte eingehen.

 

Das Kokettier schaut versonnen, ich vermute, es denkt über die Chancen nach, sich von Choupette adoptieren zu lassen….

Apropos Kunstformen. Die Klaviatur beherrschte KL wie kein anderer, wo selbst Starfotografen mit Profiequipment aufwarteten, genügte ihm ein iPad, um seitenlange Modestrecken zu füllen. Seine Illustrationen waren gefragt und beliebt. Sein Name war Zertifikat genug, was er absegnete war gut, was er selbst produzierte, sowieso. Ich bin sicher, er hat sich so manches Mal amüsiert, wenn er der Branche einmal mehr den Spiegel vorgehalten hat, dann nämlich, wenn Qualität nicht davon abhängt, wie etwas ist, sondern von wem.

Lifestyle

Ach ja, Spiegel. Hatte er keinen, könnte man meinen, wenn man einen Blick auf sein Gebiss erhaschte. Der jahrzehntelange Cola light Abusus hatte dort deutliche Spuren hinterlassen, und das, wo der Mann doch weiß Gott alle Möglichkeiten hatte, hier Abhilfe zu schaffen.

Ebenfalls medizinisch bedenklich, aber durchaus erfolgreich und bald auch buchstäblich in aller Mund, war seine legendäre Kohlsuppendiät, nach der er, der meist als Silhouette gezeigt wurde, nur noch halb soviel Raum einnahm. Die Kragen wurden höher und enger, die Anzüge immer winziger und der ikonische Kopf immer prominenter.

Schwarzweiß

Dank Karl Lagerfeld wurde aus zwei Farben, schwarz und weiß eine – schwarzweiß – eine Überfarbe, über alle Zweifel erhaben, überlegen und von einer ganz eigenen Ästhetik, denn erst die eine Farbe bringt die andere zum Strahlen und genau diesen Mechanismus machte sich auch ihr Schöpfer zunutze. Die Strahlkraft seines Wirkens, seines Auftretens, seiner Wahrnehmung in den Medien oder durch andere überstrahlte meist alles. Er war präsent und entweder schwarz oder weiß, er bezog Position, denn grau, das lag dem Mann der Extreme einfach nicht. 

 
CHANEL und Karl Lagerfeld

Bonmots

Das beste Beispiel dafür sind die Lagerfeld’schen Bonmots, die stets von Verachtung und Herablassung dessen, was er für nicht adäquat hielt, geprägt waren. Die die Spreu vom Weizen trennten und Personen im Guten wie im Schlechten dauerhaft brandmarkten. Legendär war sein Kommentar zu Heidi Klum in der Talkshow von Johannes B. Kerner: „Ich kenne sie nicht. Claudia kennt die auch nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.“ Divide et impera at its best, kann man da nur sagen. Karl Lagerfeld war ein Meister der Inklusion und Exklusion, was er guthieß, war gut, was bei ihm durchfiel, konnte allenfalls auf Mitleid oder den Zuspruch der übrigen Geschmacklosen hoffen.

Heute trauern sie alle um ihn, auch die, die er verachtet oder vielleicht bemitleidet hätte. Ist ja klar, de mortuis nihil nisi bene … und rückblickend wird aus einer Fehde ein Missverständnis, aus Verachtung eine Stichelei und alle können milde über den schrulligen Karl lächeln, der es nie so gemeint habe.

Und ich muss nun überlegen, was ich zukünftig auf die Frage antworte, mit wem ich, wenn ich frei wählen könnte, gerne zu Abend essen würde. Wobei…

…vielleicht liest man sich wieder…

 

 

5 Replies to “Karl Lagerfeld – ein Phänomen verlässt die Bühne”

  1. Hallo Carolin, falls du diesen Nachruf geschrieben hast… Hochachtung! Toll und ich glaube, dass du die richtigen Worte gefunden hast. Übrigens, dieser Mann hat auch mich irgendwie fasziniert! RIP Karl.
    Eva und Berthold, noch am Strand in Thailand

    1. Liebe Eva, lieber Berthold, aber klar habe ich den geschrieben… vom ersten bis zum letzten Wort. Darum bedanke ich mich ganz herzlich für das tolle Feedback, es freut mich sehr, dass Ihr Euch darin wiederfindet. Liebe Grüße an den Strand, Carolin

  2. Toll! Wunderbar in Worte gefasst.
    Falls es Dich interessiert, auf WELT hat eine „Freundin“ von ihm auch einen wie ich finde schönen Nachruf geschrieben.
    Ich mochte ihn. Irgendwie. Seine Schlagfertigkeit, seinen Wortwitz und durchaus auch seine spitze Zunge. Man muss nicht immer jedem gefallen wollen.

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