Ist das noch Marketing oder schon peinlich?

Ist das noch Marketing oder schon peinlich?

Latein war für mich zu Schulzeiten ein Fach, dem ich eine ganze Weile recht wenig abgewinnen konnte. Viel Lernerei und mühseliges Übersetzen von wenig Erhellendem. „Marcus et Claudia in horto sunt“ – Marcus und Claudia sind im Garten – „Ubi est avus?“ – Wo ist der Großvater? Später folgten dann Übersetzungen der, zumindest für Pubertierende, mäßig spannenden Ausführungen von Caesar, Cicero & Co.

Umso nachhaltiger ist mir der Satz meines damaliegen Deutschlehrers, der auch Latein unterrichtete, in Erinnerung geblieben: „Wenn Ihr seit der fünften Klasse Latein habt und es dann vor dem Abitur abwählt, dann ist das so als ginget Ihr zum Floristen und würdet von einer Rose nur den Stiel verlangen, die Blüte solle der Florist behalten.“

Und er hatte recht. Die letzten Jahre Latein waren herrlich und eröffneten Zutritt zu einer Welt voller Geschichten, Fabeln und Mythen, die, selbst übersetzt, eine ganz andere Wertigkeit und Nachhaltigkeit besaßen. Das ganze Büffeln von Vokabeln und Grammatik machte plötzlich Sinn, und ich muss sagen, dass ich bis heute davon profitiere, Fremdwörter herleiten zu können oder Grammatikfragen analytisch angehen zu können.

Das ist die romantische Variante. Die etwas unromantischere besagt, dass es im Geschäftsleben prima ist, ein bißchen Latein für Angeber zu beherrschen. Wer der Angeber in dieser Konstellation ist, variiert.

„quidquid agis, prudenter agas et respice finem.“ „Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende.“ ist ein gerne- und vielzitierter Ausspruch, der Aesops Fabel von den zwei Fröschen zugeordnet wird. Kurzform: Durstige Frösche trinken Milch in/aus einer Milchkanne, drohen darin zu ertrinken, der faule tut’s, der fleißige strampelt die Milch zu Sahne. Ja, die Geschichte gibt es auch mit Mäusen.

Genau genommen, passt dieser Spruch immer. Mir kam er in den Sinn, als ich mir überlegt habe, ob es klug war, das auszuprobieren, was ich so viele Male auf Facebook beobachtet habe, nämlich den Aufruf, eine Seite zu teilen, zu ihr einzuladen oder einfach mehr zu interagieren. Tatsächlich ist es so, dass ich mich über jede Form von Feedback freue, jedes Like unter einem Beitrag, jeden Kommentar und natürlich ganz besonders, da so schön plakativ, jedes Like der Seite ansich. Denn natürlich stelle ich ich mir nach wie vor die Frage, liest das überhaupt jemand? Macht es Sinn, das zu machen und da ist jede Reaktion ein wertvolles Signal, nicht den Mut zu verlieren.

Aber nachdem ich diesen Post mit Bild, passenderweise mit einem demonstrativ gähnenden und sich von dieser peinlichen Aktion distanzierenden Kokettier, veröffentlicht hatte, kamen mir Zweifel.

Wie kommt das an?

Verzweifelt? Flehend? Anbiedernd? Manipulativ? Unsympathisch?

Oder so, wie es gedacht war: Inspirierend, ermunternd, motivierend, dankbar und sympathisch!

Wie ist die richtige Anrede?

Duze, Sieze oder Ihre ich? Ich habe mich für die Anrede „Ihr“ entschieden, weil Siezen auf Facebook echt seltsam ist, weil ich einige der Leute kenne und tatsächlich duze und es mir daher am sinnvollsten erschien.

Foto? Wenn ja, was für ein Foto?

Ein reiner Textbeitrag geht gerne mal unter, bei einem Fotobeitrag geht der Text auch manchmal unter, aber wenigstens nicht der ganze Beitrag. Ein Foto hat aber immer etwas Narzisstisches – aber ist ein Blog/ger nicht per se narzisstisch?

Facebook Post vom 21.11.2017, Das Kokettier

Wieso habe ich das dann überhaupt gemacht, wenn ich mir so unsicher bin?

a) Weil es alle machen – scheint sich ja bewährt zu haben, wieso das Rad neu erfinden, Millionen Fliegen können sich nicht irren …

b) Weil es mir wirklich ein Anliegen ist, Feedback zu bekommen.

Was man beabsichtigt und wie etwas wahrgenommen wird, sind bekanntlich zwei Paar Schuhe, daran scheitern Freundschaften, Beziehungen, Geschäftspartnerschaften – jede Form von Interaktion zwischen Sender und Empfänger birgt ausreichend Raum für verheerende Missverständnisse.

Beim Bloggen schreibt man vordergründig für sich selbst, tatsächlich aber natürlich mit dem Anspruch, dass andere das lesen, was man schreibt und es idealerweise ganz fabelhaft und ausgesprochen bereichernd finden.

Sobald Feedback ausbleibt, fehlt das Korrektiv, aber auch das Publikum und damit auch ein bisschen der Antrieb.

Um es mit den Fröschen, frei nach Aesop, zu sagen:

„Was auch immer ich da tue, ich bemühe mich wirklich und bin gespannt wie es ausgeht.“

…vielleicht liest man sich wieder …

 

2 Replies to “Ist das noch Marketing oder schon peinlich?”

  1. Liebe Carolin,
    normalerweise bin ich eine „stille“ Blogleserin, aber hier hinterlasse ich gerne ein Feedback:
    Ein Chapeau! für deine Themenauswahl und ein Chapeau! für deinen Schreibstil. Den mag ich nämlich besonders gerne.
    Ich hoffe du machst weiter!
    Liebe Grüße, Marina

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