Hermès – echt authentisch oder etwa nicht?

Hermès – echt authentisch oder etwa nicht?

Vor geraumer Zeit habe ich einen Artikel über meine Leidenschaft für Hermès Carrés geschrieben. Genauer, für die 90×90 er Twillsilk-Tücher aus dem Hause Hermès. Brillante Farben, fester Griff, handrollierter Rand und Motive zum Niederknien.

Diese Leidenschaft, die eine Weile auf Sparflamme köchelte, ist seit einiger Zeit wieder am Lodern und verlangt nach Nahrung. Aufgrund dieses Hungers und dem daraus erwachenden Jagdtrieb, habe ich Bekanntschaft mit allerlei neuen Portalen gemacht und Wiedersehen mit alten Bekannten gefeiert. Ich habe tatsächlich auch Socialmedia Brieffreundschaften geknüpft und vor allen Dingen eine Menge gelernt.

Non scholae, sed vitae, discimus.

Wenn wir über die Schule des Lebens sprechen, ist dieser Satz ohnehin allgemein gültig. Ebenso wie die Tatsache, dass Lernen, wenn es ums Befriedigen von Shoppinggelüsten geht, meistens mit Lehrgeld zu tun hat. In diesem Sinne möchte ich meine Erfahrungen diesbezüglich gerne weitergeben:

Ich nenne zwischenzeitlich einige Hermès Carrés mein Eigen. Allen gemein ist, dass sie bereits beim ersten Anblick begeistern und überzeugen. Durch Brillanz, Farbpracht und eine Qualitätsanmutung, die unter anderem ganz maßgeblich durch das Gewicht bestimmt wird.

Der Stein des Anstoßes

65g soll, da sind sich die Online-Ratgeber einig, ein echtes Hermès Tuch imFormat 90×90 aus Twillsilk wiegen, leichte Abweichungen sind zu tolerieren. Doch was ist mit einem Tuch, das 50 g wiegt, dessen Farben mich nicht überzeugen und das sich seltsam weich anfühlt?

Hermès Carré 90 Èquipages von Philippe Ledoux

 

Ein solches erwarb ich vor einiger Zeit über Vestiaire Collective. Diese Online-Plattform bietet Verkauf und Handel von  Luxuria eine Bühne, unter der Prämisse, Authentizität und Originalität zu garantieren. „100% Echtheitskontrolle, keine Fälschungen“ wirbt der Anbieter bereits auf der Startseite. Das mag stimmen, bei Echtheitskontrolle, 100% keine Fälschungen, wäre ich nach meiner Erfahrung inzwischen skeptisch.

Die Signatur des Künstlers

Nachdem der Funke bei besagtem Tuch auch nach einer Zeit der Annäherung nicht so recht überspringen wollte, entschied ich mich, es unter Angabe meiner Bedenken zu einer erneuten Prüfung an Vestiare Collective zu senden. Sehr fair: man erhält ein Retourenlabel und auch nach der  Prüfung bleibt der Versand kostenfrei.

Die Rückmeldung ließ einige Tage auf sich warten und brachte folgendes Ergebnis.

Vestiaire Collective Qualitätskontrolle

Hallo Carolin,

Auf Ihren Wunsch hin, haben unsere Experten einen zweiten Qualitätscheck für Ihre Bestellung 1850…, für den Artikel Carré 90 en soie HERMÈS [ref: 547…durchgeführt und folgendes bestätigt:

Unsere Qualitätskontroll-Team hat bestätigt, dass Ihr Artikel authentisch ist und alle Qualitätsstandards der Marke erfüllt.

Aus diesem Grund sind wir leider nicht in der Lage, Ihre Rücksendung zu genehmigen. Unser Geschäftsmodell sieht es nicht vor, Artikel, die auf unserer Website von Privatverkäufern erworben wurden, zurückzuerstatten, es sei denn der Zustand des Artikels stimmt nicht mit der Beschreibung des Verkäufers überein. Weitere Informationen über den Kauf und Verkauf auf Vestiaire Collective finden Sie in unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

Da wir Ihnen keine Rückerstattung anbieten können, werden wir Ihren Artikel [ref: 5473682] so bald wie möglich an Sie zurücksenden. Nicht vergessen, wenn Sie nicht zufrieden mit Ihrem Kauf sein sollten, können Sie den erworbenen Artikel weiterverkaufen.

Vielen Dank,

Ihr Vestiaire Collective Team

In Zukunft kaufe ich, was ich liebe…

Mit keinem Wort war man auf meine Zweifel oder konkrete Kriterien eingegangen. Kein Wort zu Gewicht, Farben oder Material. Einfach nur die Information, alle Qualitätsstandards der Marke seien erfüllt. Für ein Portal, das sich durch den Authentifizierungsservice von Quellen wie ebay oder Kleiderkreisel unterscheidet, finde ich die Auskunft enttäuschend.

Einschätzung der Hermès Boutique Baden-Baden

Nachdem das Misstrauen also nach wie vor da war, beschloss ich, die Vestiaire-Einschätzung direkt bei Hermès verifizieren zu lassen. In der Boutique in Baden-Baden stellte ich das ungeliebte Tuch vor und bekam von der Verkäuferin die folgende Auskunft:

  • Hermès darf keine Einschätzungen zur Echtheit eines Tuchs abgeben, da es sehr gute Fälschungen gebe, die man nicht unterscheiden könne.
  • Der handrollierte Saum spreche, wenn auch glattgebügelt, für ein echtes Tuch.
  • Das Motiv jedoch sei ihr unbekannt, das spreche für eine Fälschung.
  • Es gebe auch weiche Seide, gerade bei älteren Tüchern, ja, somit könnte das Tuch echt sein.

Was bei mir ankam, war: „Eigentlich ist das, was wir hier verkaufen, gar nicht so besonders, es gibt prima Plagiate, die selbst Experten nicht unterscheiden können, aber schließlich geht es nicht um die Optik, sondern darum, viel Geld in einer Boutique auszugeben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich sowieso keine Ahnung.“

Reichlich ernüchtert verließ ich den Laden und stellte fest, dass mein Hermès Enthusiasmus gerade deutlich abzukühlen begann.

Ernüchterung

Wann immer ich das in Misskredit geratene Tuch anschaue, muss ich feststellen, dass nichts trauriger ist, als eine Anschaffung, die man aus Begeisterung tätigt und an der man durch wie auch immer geartete Umstände die Freude verliert. Wie ein Mahnmal raunt es… erst nachdenken, dann kaufen… keine naiven Entscheidungen treffen.

So schön wie es ist… es macht keine Freude mehr

Statt mich an dem Tuch zu erbauen, rätsele ich weiter, ob mich die Kriterien irreführen oder ob es sich tatsächlich um einen Fake handelt, auf dem ich jetzt sitzenbleibe.

Sofort bekommen alle Hermès Erwerbungen nachträglich einen schalen Beigeschmack und die Haltung der Marke bzw. ihrer Vertreterin in der Baden-Badener Boutique hinterlässt ein Gefühl von Sympathie- und Vertrauensverlust. Doch was bleibt, wenn eine Marke diese beiden Werte nicht mehr bietet?

Eine Marke nur zum Angeben?

Zum Thema Markenwerte noch eine Ergänzung: Ansich bin ich ja ein großer Wikipedia-Fan, hat doch niemand sonst die Fähigkeit, Wissen knapp und auf den Punkt zu vermitteln, derart perfektioniert wie das Online-Lexikon. Doch, bei aller Dankbarkeit für zuverlässige Zitier-, Recherche- und Quellenhilfen in Studienzeiten und diverse „Know How and What“ Sessions in jüngerer Vergangenheit: Der Eintrag rund ums Hermès Tuch ist diffamierend, unzulänglich und reichlich uninspiriert. Hier ein Auszug: „Das Hermès-Seidentuch gilt einerseits als Symbol zeitloser Eleganz für nicht mehr ganz junge Damen, andererseits als Abzeichen der Zugehörigkeit zur Marken– und Lifestyle-bewussten Mittelschicht, die durch demonstrativen Konsum gern ihre Zugehörigkeit zur Oberschicht vermitteln würde.[1]“ 

Ich persönlich fühle mich hier zwar nicht angesprochen, zumindest nicht direkt, aber tatsächlich ist die Spitze das Alter betreffend überflüssig, unnötig grob und tatsächlich unzutreffend und die den Status betreffend, schlicht und einfach undifferenziert. Wer glaubt, irgendwo dazuzugehören, weil er ein bestimmtes Kleidungsstück trägt, hat es meiner Meinung nach verdient, seltsam beäugt zu werden. Warum? Weil ich der Meinung bin, dass eine Zugehörigkeit zu einer Gruppierung, die derartige Kriterien anlegt, in keiner Weise erstrebenswert ist.

Die Marke und ihr Spirit

Genau das ist auch ein Grund, warum aus meiner Sicht auch ein gut gemachter Fake eines Hermès Tuchs niemals ein Ersatz für ein echtes Tuch sein kann. Es atmet nicht die Geschichte, es steht nicht in der gleichen Tradition, es hat keine ritualisierten Prozesse durchlaufen und es fehlt im schlicht und ergreifend an SPIRIT. Denn der ist es, der aus einem schlichten Accessoire einen Mythos macht, oder vielmehr einen Topos. Es wäre aber fatal, im Umkehrschluß zu behaupten, der Mythos reiche aus, wenn die Qualität nicht passt und sei es bloß subjektiv.

Übrigens: Eine gelungenere Hommage an Hermès als die von Wikipedia findet man hier.

Ach ja:  Vestiare Collective werde ich nicht mehr nutzen, zu unerfreulich ist diese Erfahrung.

Fazit: Am Ende sind es Tücher… die Bedeutung und damit die Macht, mir die Laune zu verderben, gebe ich ihnen…eine gute Erkenntnis, die zwar Marke und Mythos für mich ein wenig entzaubert, aber Vieles wieder geraderückt. Zum Beispiel, dass, wer ein Kokettier hat, mehr als betucht ist.

Das Kokettier. Immer authentisch. Echt.

… vielleicht liest man sich wieder …

 

 

 

6 Replies to “Hermès – echt authentisch oder etwa nicht?”

    1. Das werde ich auf jeden Fallnoch tun, aber ich musste mir das erstmal von der Seele schreiben… insbesondere der letzte Satz hatte etwas ebenso Erhellendes wie Erschreckendes… Vielleicht hast Du ja Lust mitzukommen… nächste Woche zum Beispiel?

  1. Dieser Gedanke kam mir sofort bei Deinen Worten :

    Tausende ‚echter‘ Gemälde großer Meister hängen in den renommiertesten Museen der Welt, waren Gegenstand vielfacher akademischer und enthustiastischer Beschreibungen, wissenschaftlicher Echtheitsanalysen, millionenfacher Reproduktionen, Ziel unzähliger Kunstreisenden und trotzdem, wurden einige irgendwann als ‚falsch‘, als fake aussortiert. Tausende hängen weiter, einige bis in alle Ewigkeit als echt klassifiziert, obwohl sie falsch sind.

    Ist die ‚ perfekte‘ Fälschung wirklich die ganze Illussion und Schönheit raubend, oder ist gerade dieser Zweifel nicht auch ein Element des Genusses ?

    1. Ich verstehe diesen Ansatz und Du hast damit auch sicherlich in Bezug auf viele Beispiele recht, aber in diesem Fall war es die Qualität, die mich stutzig gemacht hat. Die Zweifel beruhen also quasi auf einem Mangel an Schönheit und Illusion. Zum Thema Kunstfälschung gibt es übrigens eine Serie, diee ich unheimlich mag, White Collar, die beweist, dass das Thema eine Faszination ausübt. Liebe Grüße! Carolin

  2. Vestiare Collective war mir schon immer sehr suspekt, denn das eine oder andere Teil konnte ich schon anhand von den Bildern erkennen, dass es kein Artikel des Markeninhabers ist. Die Erfahrung zeigt auch, dass dort Personen sitzen, denen es völlig egal ist, ob der Artikel echt ist oder nicht. Ein seriöses Unternehmen würde den Artikel zurücknehmen und wenn es so klar ist, dass es ein Original ist, dann eben selbst wieder einstellen. Vestiare Collective wiegelt jegliche Verantwortung ab und fühlt sich nicht zuständig. Tatsache ist leider auch, dass aufgrund mangelndem Sachverstand und Kenntnis die Verkäufer/Verkaufsberater häufig weniger Ahnung als die Kunden haben. Bei Hermès hat sich dies in den letzten Jahren extrem verschlechtet. Da wird ein Mädchen mit einer Birkin zum Verkauf hingestellt und die kann nicht einmal sagen, welches Leder die Tasche hat oder wie sich das Leder genau nennt. Bei einem Preis von 8.200 € erwarte ich von einem sogenannten Luxusunternehmen mehr, als nur eine „Hingestellte“, die einen schnellen Verkauf macht. Allerdings sind die Damen und Herren in einer Weise hochnässig, dass es schon weh tut. eBay bietet u.U. eine bessere Möglichkeit um an das eine oder andere schöne Stück zu kommen – ich habe allerdings auch hier schon Lehrgeld bezahlt. Dennoch Glück im Unglück, ich hatte nur in einem Fall Portokosten.
    Ich liebe die alten Muster bei Hermès Tüchern, die Seide ist auch hier unterschiedlich. Sehr schön und fest sind die Tücher in Dip Dye, der Aufwand für den Druck ist absolut im Preis wieder erkennbar.
    Es gibt einfach zu viele schöne Sachen und es sollte mit Bedacht ausgewählt werden. Ein Kauf, der mit viel Freude und einem Hauch des Besonderen versehen ist, sollte nicht bereut werden.

    1. Liebe Sophia,
      Ganz herzlichen Dank für diesen differenzierten und kenntnisreichen Beitrag.
      Mich wundert auch, dass Vestiaire so schalten und walten kann und ich finde, Hermès macht es sich zu leicht, wenn sie sagen „nur, wer online oder offline beim Hersteller kauft, kann sicher sein, dass er „the real stuff“ erhält. Damit wird man dem Herzblut, was Sammler in die Marke investieren, nicht gerecht. Außerdem beruhigt es mich, dass auch andere diese Erlebnisse kennen. Dip Dye, da gebe ich Dur recht, ist absolut großartig. Enenso wie die Vintageseide der 70er Carrés.
      Ganz liebe Grüße und vielleicht liest man sich wieder,
      Carolin

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